Dehmker Solo

Am Ende des letzten Jahrhunderts verstarb in Dehmke einer der größten Bauern. Seine junge Witwe war untröstlich und wollte schier verzweifeln. Neben der Trauer um ihren Eheliebsten waren in den paar Tagen vor der Beisetzung Berge von Arbeit zu verrichten. Haus und Hof mußten für eine Bewirtung der großen Zahl von Trauergästen gerüstet werden. Dazu waren große Mengen Kuchen nötig, vor allem der als Beerdigungskuchen, beliebte Zuckerkuchen mußte im großen Backofen auf dem Hof gebacken werden. Hierzu brauchte man Hilfe aus der Nachbarschaft, wie es auf dem Lande üblich ist. Da es die Zeit der Erntefeste war, gab es natürlich auch Zwetschenkuchen, mit oder ohne Guß. Man wollte sich ja nicht lumpen lassen!

Auch die Trauerkleidung mußte gerichtet werden, und als Kopfschmuck war noch ein großes schwarzes Tuch nötig. Sorge machte auch der Totenwagen. Dazu diente ein kleinerer Wagen mit Totenleitern, damit der Sarg nicht abrutschte. Die Straßen waren damals noch nicht vom Besten und manches Wasserloch war zu durchfahren. In die Speichen der Holzräder wurden durch fleißige Hände Tannenzweige geflochten.

Auch die Pferdegeschirre mußten gereinigt und geschwärzt werden. Als Vollmeier wurde mit 4 Pferden gefahren. Das war nach dem Meierrecht so üblich und verbrieft. Es ging also mehr um die Ehre, die zu beweisen war, als um das Gewicht des Wagens. Der Kötner fuhr zweispännig und der Brinksitzer war froh, wenn ein Einspänner-Bollerwagen für seinen Verstorbenen vom Nachbarn angespannt wurde.

Am Tage der Beisetzung war ein langer Marsch nach Aerzen nötig. Nicht alle Dehmker wurden bei der Aerzener Kirche beigesetzt. Der größere Teil gehörte nach alter Überlieferung zur Groß Berkeler Kirche, und die Toten wurden dort begraben.

Zum großen Schrecken der Trauergemeinde braute sich über der Hohen Asch ein Unwetter zusammen. Böse Dinge kamen auf die Trauergäste zu und es war ratsam, den Parapluie mitzunehmen und festes Schuhwerk zu wählen.

Eiligen Schrittes, angeführt vom Herrn Pastor, wanderte man gen Königsförde. Schon in Höhe des Kruges "Zum Proppen" faßte man den Entschluß, eine kurze Pause wegen der vom Himmel stürzenden Wassermassen einzulegen. Der Wirt schenkte fleißig ein und reihte die Proppen der Flaschen in Reih und Glied auf, um die Übersicht zu behalten. Unter lautem Kommando des Bürgermeisters wurden Bretter herangeschleppt, um durch die Furt zu kommen. Eine Brücke gab es in Königsförde ( = Furt) noch nicht. Die Witwe und der Pastor, durch ein paar Klare gestärkt, schwangen sich neben den Kutscher auf den Totenwagen. Einige beherzte Männer erklommen die Pferde, um ihre Hosen vor dem Wasser zu retten. Das Gros schwankte über die wackeligen Bretter oder zog kurzentschlossen die Schuhe aus, um, knietief im brausenden Wasser watend, das andere Ufer zu erreichen. Gottlob! Endlich war man zum Weitermarsch fertig. Pausenlos goß es vom Himmel. Die Kleider klebten am Körper und wurden durch Einlaufen enger. Die schwarzen Anzüge hingen traurig an den Gestalten herunter. Manch stolzer Mann wurde zur Vogelscheuche.

Alle Kräfte reichten nur noch bis zum Ortseingang von Aerzen. Mühsam verkroch man sich im "Höpperkrug", einem Gasthaus mit Schlachterei an der ostwärtigen Seite der Königsförder Straße, an der Stelle, wo heute der Sportplatz ist. Hier wurde gerade zum Erntefest gerüstet.

Die Musik stimmte schon die Instrumente. Das erste Faß war angesteckt, und es gab keinen Grund, sich diesem traditionsreichen Feste fernzuhalten. Die Männer in den schwarzen Anzügen drängten zum Tresen. Einen Schnaps für die Herren und einen "Süßen" für die Frauen! In dem nassen Zeug wollte man es nicht riskieren, sich zu erkälten! Die Fluten strömten weiter, und es waren weitere Stärkungen nötig. So bekam man nach kurzer Zeit das Verlangen, nach den Klängen der Musik mit der Erntegesellschaft das Tanzbein zu schwingen. Das Tempo erhöhte sich, und die Stimmung von Trauer ging bald in Fröhlichkeit über.

Auch die arme Witwe schaukelte unruhig auf ihrem Stuhl. Als einer der flotten Tänzer sie aufforderte, es doch auch mal zu probieren, um wieder warm zu werden, wandt sie sich beschämt hin und her. Sie konnte sich schlecht entschließen. Endlich stand sie mit hochrotem Kopf auf, ging am Arm ihres Tänzers auf die Tanzfläche und flüsterte leise: "Na, denn so einen südjen Solo!" So war der Dehmker Solo geboren.

Nach geraumer Zeit, der Regen hatte aufgehört, konnte der Pastor seine Schafe sammeln. Es kostete schon Mühe, den Toten mit Anstand in den Gottesacker zu betten. Man schaffte es aber. Auf der Rückfahrt hatte man es leichter. Der Leichenwagen bot für Schwache reichlich Platz. Die Pferde drängten in den Stall und die Trauergäste zur Kaffeetafel.