Originalabschrift von 1819 ,

Johann Friedrich Christian Meese

Aus dem Kirchenbuch Groß Berkel

Ein Enthaupteter

1819. 13ten Januar. Vormittags zwischen lo und 11 Uhr wurde nach dem, von Königl. Justiz-Canzley zu Hannover gefalletem, und von den zeitigen Herren Beamten zu Aerzen, Oberamtmann Müller, Amts-Assessor Nicol und Drost von Honstedt, executirten Todes—Urtheile sehr glücklich durch den Scharfrichter Mietling aus Hameln auf dem Todtenberge enthauptet Johann Friedrich Christian Meese, geboren zu Brever Amts Polle d. 2ten Jun: 1775, also in einem Alter von 43 Jahr 7 Monat 1 Woche 4 Tage, wegen eines an der Wittwe des als Soldat der Engl. Deutschen Legion in Frankreich ehrenvoll gefallehen Heinrich Gottschalk, Nahmens Louise, geb. Schmidt, 50 J. alt, d. 12ten Octbr: 1818 Abends zwischen lo und 11 Uhr zu Amelgatzen in Christian Sievers Backhause verübten Todtschlages und Raubes mehrerer Kleidungsstücke, welche zu l0 Taler 9 Groschen 5 Pfennig Cour: M. taxirt wurden von geschworenen Taxatoren.

Die Erschlagene war eine schlechte, liederliche Person, die sich jedoch ehrlich - dem Anschein nach - von einem kleinen Handel nährte; ihr Todtschläger ein dummer, gleichgültiger Mensch, unwissend in der Religion, doch confirmirt zu Polle und konnte lesen, wußte auch die lo Gebote. Er war nicht eigentlich bösartig, und hatte bey mehreren Herrschaften — in Bremke, auf dem Ottenkruge, in Bodenwerder und Polle -ehrlich und zum Theil lange gedienet, meist als Ackerknecht, aber auch als Brennknecht; aber schon seit mehreren Jahren ein leichtsinniges, unordentliches, meist vagabondirendes Leben geführt. Der Anfang seines gänzliches Verfalles war das leidige Gesöff. Als Trunkenbold hatte er seine gute Ehe­frau, Dorothee geb. Ochsenfeld, zu Bodenwerder, nachdem er 5 J. glücklich mit ihr gelebt hatte, so gemißhandelt, daß er erst zu 14 Tage Gefängniß-Strafe, hernachmals aber auf Erkenntniß des damal. Westphälischen Tribunals zu Rinteln mit zweymonat. Zuchthaus-Strafe zu Herford belegt wurde. Aus der Straf-Anstalt entlassen, hatte er sich bey dem 1ten Hannov: Osnabrückschen Feld-Bataillon 4ter Compagnie anwerben lassen; war aber bey Hamburg in der Campagne gegen die Franzosen desertirt nach 2jährigem Dienste, in welchem er sich durch un­geheures Fressen ausgezeichnet haben soll, doch auch 2 Wunden erhalten hatte. Als herumstreifender Bettler hatte er (in Pyrmont) im Jun: l8l8 Leinen von der Bleiche gestohlen, war ertappt, und nach l4tägiger Gefängniß-Strafe von Pyrmont an das Amt Polle wiederabgeliefert, und nach Bodenwerder zurück gekommen, ohne sich um seine daselbst dienende Ehefrau und um seinen einzigen 11jährigen Sohn zu bekümmern, welcher schon die Schlosser-Profession erlernete.

Als Bettler ist er Anfangs Octbr: v.J. auch nach Amelgatzen gekommen, sieht die von ihm erschlagene Gottschalk vor ihrer Thür stehen, und bietet ihr sein gesammeltes Bettel-Brot zum Verkauf an, und bittet um Aufnahme. Er findet Gehör; die Unglückliche richtet ihn förmlich zum Betteln ab, um Vortheil durch ihn zu ziehen, und mißbraucht ihn noch schändlicher zur Befriedigung ihrer unersättlichen Lüste unter dem Vorschlage der Ehe mit ihm. Nach einem 11tägigen Umgange mit ihr, während welches Zeitraums er bey Tage auf Betteln aus­gegangen, aber auch ihr Haus zuweilen allein hüthet,. auch Holz für sie gespalten, war er, schon eifersüchtig gemacht durch einen 2ten liederlichen, zugleich mit ihm von der Gottschalk begünstigten am Abend des Mordtages 8 U. zu ihr zurück gekehrt vom Betteln, und nachdem er schon in der Küche mit ihr Unzucht getrieben und darauf ein, von ihr bereitetes warmes Bier genossen, ist er von derselben propter negatum alterum concubitum [weil er weiteren Beischlaf verweigerte] aufs infamste ausgescholten und gereitzt. Im Aerger darüber ergreift er, wie sie mit schandbaren Vorwürfen nicht aufhört, und ihm das Haus verbieten will, die Axt, welche er so eben beym Verpinnen seiner Schuhe gebraucht hat, und schlägt ihr mit derselben dermaßen auf den Kopf, daß sie zu Boden stürzt und bewußtlos zappelt, worauf er sie dann vollends Todt schlägt, weil sie doch nicht leben können. Er stürzt den Leichnahm in den geöffneten Keller, und nachdem er unten in der Stube einen Schrank und auch auf der sogenannten Bohne, wo der l4jährige Sohn der Gottschalken geschlafen, die Koffer derselben spolirt hat, löscht er die Lampe gehörig aus, und geht davon, nachdem er das Haus von außen wohl verschlossen, so daß der junge Gottschalk am andern Morgen nur durchs Fenster aus dem Hause kommen kann.

Der Mörder wurde durch die seltene Thätigkeit und eifrige Dienst-Treue des H. Drost von Honstedt, der auch die ganze Inquisition geführt hat, bald aufgespürt - denn sein Hinken machte ihn leicht kenntlich  -, und zu Bega, 1 Meile von Bösingfelde im Fürstl. Lippischen zur Haft gebracht, wo er sich als Brennknecht vermiethet hatte. Er bekannte sogleich seine Mordthat, und nachher alles, was er in seinem unstäten Leben verübt hatte, aufrichtig und mit vieler Reue, die dann durch treuen Zuspruch des zeitigen Predigers, Ehrn Carstens, in Aerzen so genährt und geleitet wurde, daß man von ihm sagen darf, er habe sich von seinem schlechten, leichtsinnigen und gottlosen Leben aufrichtig zu Gott bekehret. –

Pastor , Ehrn Carstens , geleitete ihn am 13ten Jan: von dem Peinl. Halsgerichte auf dem Amthofe zu Aerzen mit seiner singenden Schuljugend bis zu den 5 Eichen bey Selxen, wo ich, der zeitige Pastor und Superintendent zu Großenberkel, Gf. Pläte, assistirt von dem Pastor zu Kleinenberkel, Ehrn Kilg, mit meiner Schuljugend, angeführt von dem zeitigen Cantor Nölke und dem Schullehrer Fleischer von Dehmke, unter dem Gesänge lo52, welchen der arme Sünder Abends vorher mit dem Gefangenenwärter Seitz und dessen Kindern gesungen hatte und meist auswendig wußte, denselben in Empfang nahm, und ihn, der meinen Trost- und Stärkungs-Worten eben so begierig und andächtig, als tief gerührt zuhörte, an die Stätte des Hochgerichtes (unfern der Vogelstange) und an meiner Hand auf das Schafott brachte, wo im eigentlichsten Sinne nur sein Kopf, wie abgelöset vom letzten Halswirbel, fiel. Sein Leichnahm wurde neben der Blutbühne in einem glatten eichenen, aber nicht angestrichenen Sarge in einem sehr steinigten Boden von des Scharfrichters Knechten begraben. Gott sey seiner armen Seele gnädig! —

Nota. Obigö Nachrichten sind aus den Actis Inquisitionis contra J.F.C. Meese in pcto homicidii, furti, adulterii et pergurii von mir gezogen. Gf. Plate. [Aus den Untersuchungsakten ... wegen Mord, Diebstahl, Ehebruch und Meineid],